Energiewende

„Der Kohleausstieg wird viel früher kommen“

Ein Interview mit Heide Schinowsky
Bündnisgrüne Direktkandidatin für Cottbus & Spree-Neiße und auf Platz 5 der Landesliste Brandenburg

Zur Person:
Heide Schinowsky lebt mit ihrer Familie in Jänschwalde, hat eine kleine Tochter und engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Klima und Energie. Sie startete bei der BUNDJugend, war BUND-Vorsitzende in Berlin, Referentin im Berliner Abgeordnetenhaus und Brandenburger Landtagsabgeordnete.  Seit 2000 ist sie Mitglied bei Bündnis 90 / Die Grünen.  

Was heißt „Energiewende“?

Die Umstellung der gesamten Energieversorgung auf regenerative Energien, um unsere Treibhausgasemissionen – insbesondere CO2 – schnellstmöglich auf Null zu senken, um die Erderwärmung zu bremsen und damit die Klimakrise zu stoppen.

Was sind die wichtigsten Schritte dabei?

1. Ausstieg aus Kohle & Gas; Reduzierung der Müllverbrennung sowie der Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare Energien.

2. Energie sparen (eigentlich der wichtigste Punkt, denn soviel Energie, wie wir aktuell benötigen, ist aus regenerativen Quellen nicht zu decken).

3. Energie effizient einsetzen: Weil Energie relativ preiswert ist, spielt Energieeffizienz noch keine große Rolle. Ein Beispiel: Energie für Transportkosten ist bisher kein relevanter Faktor für den Lebensmittelpreis. Wenn sich das ändert, werden regionale Produkte viel häufiger in den Supermärkten zu finden sein.

Welche regenerativen Energieträger kommen denn in Frage?

Wind und Sonne sind die zentralen Elemente der erneuerbaren Energieversorgung. Stand der Technik und Wirtschaftlichkeit sind entscheidende Kriterien bei der Auswahl von regenerativen Alternativen. Auch Geothermie und Biomasse können an geeigneten Standorten und unter bestimmten Bedingungen einen wichtigen Beitrag liefern. Alle Energieträger haben auch ihre Nachteile, die wir im Blick haben müssen. Man kann z. B. nicht beliebig viel Biomasse zur Energiegewinnung anbauen, weil dies in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion steht.

Und immer muss auch die Frage nach den Kosten gestellt werden – gerade Wind- und Sonnenenergie sind in den vergangenen Jahren deutlich preiswerter geworden und inzwischen wettbewerbsfähig mit fossilen Energien. Berücksichtigen wir auch die Folgekosten, ist jede erneuerbare Energie günstiger als fossile Energien mit ihren hohen Klimafolgekosten oder als Kernenergie mit den Kosten für ein Atommüllendlager. Oder wenn ich bei mir zu Hause in der Lausitz ganz konkret frage: Was kostet die Rekultivierung? Was hängt da an aktuellen Kosten, aber auch an Ewigkeitskosten mit dran? Ein Beispiel: Im Ruhrgebiet, in dem ja auch viele Jahrzehnte lang Kohle gefördert wurde, wird man praktisch für immer Wasser abpumpen müssen, weil sonst Dörfer und Städte unter Wasser stehen würden. Das sind Rechnungen, die zukünftige Generationen zahlen müssen.

Was machen wir, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint?

Wir müssen die Verfügbarkeit von Energie intelligent regulieren. Dafür brauchen wir u. a. Energiespeicher – sowohl in Einfamilienhäusern, um kleine Bedarfe zu decken, als auch große Speicher. Momentan kann unser Energieversorgungsnetz noch nicht ausschließlich mit regenerativ erzeugter Energie funktionieren. Um die Versorgungssicherheit auch mit regenerativen Quellen zu garantieren, brauchen wir noch ein paar Schritte, aber die sind technisch machbar – und dann sitzen wir auch nicht im Dunkeln.

Welche Speichermöglichkeiten gibt es?

Schon heute nutzen wir zahlreiche Speichertechnologien für Wärme & Strom, wie Pumpspeicherkraftwerke oder Batterien. Aktuell wird große Hoffnung auf Wasserstoff gesetzt: Strom, der gerade nicht benötigt wird, wird genutzt, um Wasserstoff zu erzeugen. Und wenn dann Energie benötigt wird, wird aus dem Wasserstoff in einer Brennstoffzelle wieder Strom und Wasser erzeugt. Wasserstoff wird ein zentraler Baustein in der Energiewende werden.

Den nötigen regenerativen Strom für die Wasserstofferzeugung gibt es noch nicht in den nötigen Mengen. Wo kommt der Wasserstoff her?

In zentralen Studien für eine klimaneutrale Wirtschaft in Deutschland sind Wasserstoffimporte aus Ländern außerhalb Europas vorgesehen. Das konfrontiert uns aber noch mit ganz anderen Problemen. Hier geht es um Energieaußenpolitik und u. a. um die Frage, welche Probleme es nach sich zieht, wenn vor Ort zwar Wasserstoff produziert wird, die Menschen aber selber keinen Stromanschluss haben. Unser Anspruch muss es sein, die Energie, die wir in Europa benötigen, auch hier zu erzeugen und Importe so gering wie möglich zu halten. Von den sozialen Verwerfungen vor Ort abgesehen, führen uns Wasserstoffimporte auch in neue politische Abhängigkeiten. Um eine stabile Stromversorgung zu garantieren, braucht es auch stabile politische Verhältnisse im Energieexportland, und das ist oft nicht der Fall.