Artenvielfalt

Schwarzstorch als Brutvogel im Spreewald ausgestorben!

Gastbeitrag von Thomas Liebsch, BUND Brandenburg, Vorsitzender OG Lübben/Spreewald

Klimawandel und Artensterben treten als globale Existenzkrise zunehmend in das Bewusstsein der Menschen. Dabei vollzieht sich der dramatische Rückgang der Artenvielfalt nicht nur in der Ferne, sondern auch direkt vor unserer eigenen Haustür. Selbst im UNESCO-Biosphärenreservat „Spreewald“ sind in den letzten Jahren dramatische Entwicklungen zu beobachten: Bei den Amphibien- und Reptilienbeständen beispielsweise, verzeichnen die Umweltverbände Bestandsrückgänge von teilweise über 95 %. Eine Rotbauchunke, einen Kammmolch oder einen Moorfrosch zu entdecken, wird immer mehr zu einem Glücksfall. Doch besonders schmerzlich war es, als der BUND Brandenburg bei einer Recherche im vergangenen Jahr feststellen musste, dass der Schwarzstorch – ein Charaktervogel des Spreewalds – als Brutvogel hier ausgestorben ist. Seit 2019 gibt es in der gesamten Spreewaldregion kein einziges Brutpaar mehr.
Dabei lebten bis 2005 im Spreewald im Durchschnitt immer etwa vier bis fünf Brutpaare des extrem gefährdeten Großvogels, der dort seit Jahrhunderten beheimatet war. Was führte innerhalb weniger Jahre zum Aussterben dieser wichtigen Leittierart, die vom Umweltministerium sogar als „Brandenburger Flaggschiff-Art“ bezeichnet wird?

Foto: (c) Jürgen Borries – Schwarzstorch

Bestandspflege gefährdeter Arten in ihren Lebensräumen
Zu den Schutzzielen des 1990 geschaffenen Biosphärenreservats „Spreewald“ gehört die Bestandspflege gefährdeter Arten in ihren Lebensräumen, also auch des Schwarzstorches. Überdies ist nahezu das gesamte Biosphärenreservat auch Teil eines 2007 begründeten europäischen Vogelschutzgebietes, das den Schwarzstorch als „prioritäre Art“ ebenfalls bei den ausgewiesenen Schutzzielen nennt. Denn schon seit der Wendezeit wird er in der Roten Liste Brandenburgs geführt, seit 2019 sogar als vom Aussterben bedroht.

Lange galt der Spreewald als bedeutende Reproduktionsstätte des Schwarzstorches in Ostdeutschland. Erst nach 2005 setzte dann ein klarer Abwärtstrend ein. Immer mehr Brutpaare verließen wegen steigenden wirtschaftlichen Nutzungsdrucks und der touristisch bedingten Störungen ihre traditionellen Brut- und Nahrungshabitate in den inneren Kernbereichen des Spreewaldes und suchten sich in den ruhigeren Randgebieten neue Nistplätze.

Hartmannsdorfer Fischteiche essenzielles Nahrungshabitat
Vor allem im Umfeld der Kreisstadt Lübben fanden sie noch einige geeignete Brutwälder. Von 2005 bis 2014 befanden sich dort mindestens fünf Horste, von denen jedes Jahr meist drei besetzt waren. In mehreren Gutachten stellte der international anerkannte Schwarzstorchexperte Carsten Rohde damals fest, dass die rund zwei Kilometer nördlich von Lübben gelegenen Hartmannsdorfer Fischteiche das „essenzielle Nahrungshabitat“ der seltenen Art darstellten.

Gerade dieses Teichgebiet, das die Schwarzstorchexperten einhellig als wichtigstes noch verbliebenes Nahrungsrefugium bezeichneten, fiel jedoch nach und nach aus, nachdem um 2014 die Bewirtschaftung aufgegeben wurde. Zudem drehten sich ab 2011 einige Kilometer außerhalb des Biosphärenreservats, aber ganz in der Nähe zweier Schwarzstorchhorste 14 neue Windräder, die den Vögeln den Flugweg zu anderen Nahrungsquellen erschwerten. So geriet die Restpopulation von zwei Seiten massiv unter Druck. Vor allem wegen des akuten Nahrungsmangels wurden in den vier Folgejahren die letzten vier Brutreviere aufgegeben.

Luftbildaufnahme Jürgen Borries (c) – Hartmannsdorfer Teiche (2006)

Konzept zu Erhaltungsmaßnahmen lag vor
Doch dazu hätte es nicht kommen müssen. Denn ein Windparkbetreiber bot dem Landesamt für Umwelt Brandenburg (LfU) an, die Hartmannsdorfer Teiche als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme für den Schwarzstorch zu erhalten und für zunächst 25 Jahre durch einen regionalen Fischer weiter bewirtschaften zu lassen. Ausreichend Geld stand hierzu zur Verfügung. Diese ausgesprochen sinnvolle Maßnahme hatte das LfU vorher, als Bedingung für den Bau der Windräder, sogar selbst vorgeschlagen. Dazu gaben die Windparkplaner und das LfU extra ein gemeinsames Gutachten in Auftrag, das die große Bedeutung der Teiche für die Schwarzstörche und die Sinnhaftigkeit der Erhaltungsmaßnahme bestätigte. Doch völlig überraschend lehnte das LfU das Konzept später ab.

Letztes Habitat für überflüssige Umgehungsstraße zerstört
2018 erwarb dann die Bundesrepublik Deutschland die inzwischen trockengefallenen Hartmannsdorfer Teiche mit der Begründung, dass dort die Lübbener Umgehungsstraße für die B87 entlanggeführt werden sollte, deren bereits bestätigte Trasse aber eigentlich etwas südlicher geplant war. Das Verkehrsprojekt war äußerst umstritten – nicht zuletzt wegen der Eingriffe in das sensible Spreewald-Ökosystem – und stand damals wegen drohender Unwirtschaftlichkeit erstmals kurz vor dem Aus. Um es zu retten, griff man auf die schon länger erwogene Option zurück, die zum Verkauf stehenden Teiche zu erwerben und die geplante Großbrücke über die Spree und ihre Aue stark zu verkürzen, um Kosten zu sparen. Stattdessen soll nun ein Großteil der für den Natur- und Hochwasserschutz extrem wichtigen Spreeaue – die als Freiraum- und Biotopverbund im Landesentwicklungsplan geschützt ist – durch gewaltige Dammbauwerke versperrt und die ökologisch bedeutsame Teichgruppe ebenso überbaut werden.
Im Nachhinein erwies sich die Ablehnung der Fischteich-Weiternutzung durch das LfU als fataler Fehler. Dadurch ging den Störchen ihr letztes Hauptnahrungshabitat verloren. Unmittelbar danach brach die Restpopulation der Spreewälder Schwarzstörche in kürzester Zeit komplett zusammen, im Wesentlichen noch vor den Dürrejahren ab 2018.

Foto (c) Jürgen Borries – Schwarzstörche im Schutzgebiet Kockrowsberg / Spreewald

Bundesnaturschutzgesetz missachtet
Außerdem verletzte diese Entscheidung das Bundesnaturschutzgesetz und führte zum Verlust von Lebensräumen für Rotbauchunken, Biber, Fischotter und viele andere geschützte Arten. Denn die ehemaligen Hartmannsdorfer Teiche und die angrenzenden Fauna-Flora-Habitat-Gebiete und geschützten Biotope in der Spreeaue sind ein wahrer „Hotspot“ der Biodiversität. Sie leisten einen unschätzbaren Beitrag für die Artenvielfalt in der immer trockeneren Spreewaldregion – und sie sind eine wichtige Quelle für die Rückbesiedlung der geschundenen Lausitzer Tagebaulandschaften.

Foto (c) Jürgen Borries: Moorfrösche im Unterspreewald

Umweltverbände setzen sich ein
Die Umweltverbände sind der Ansicht, dass die Schwarzstörche und die anderen gefährdeten Arten, entgegen geltendem Recht, dem geplanten Bau einer Umgehungsstraße geopfert wurden, deren Realisierung noch völlig ungewiss ist. Und das, obwohl es bessere, klima- und naturverträglichere Alternativen gibt, die bisher jedoch noch immer nicht geprüft wurden.

Zeitgemäße Mobilitätspolitik
Im Angesicht der heranrückenden Klima- und Umweltkatastrophe sollte dieses überflüssige und schädliche Großprojekt grundsätzlich neu bewertet werden. Das wäre ein Zeichen für eine zeitgemäße Mobilitätspolitik, die dem Ausbau bestehender Strecken – wo es bautechnisch möglich ist – gegenüber dem kostspieligen Neubau tatsächlich den Vorrang gibt, so wie es der aktuelle Koalitionsvertrag der Brandenburger Landesregierung vorsieht. Im Falle Lübbens wäre die konsequente Weiterführung des bereits begonnenen Ausbaus der bestehenden Ortsdurchfahrt zweifelsfrei die umweltschonendere und wirtschaftlichere Alternative.

Um dem Schwarzstorch seinen Lebensraum im Spreewald zurückzugeben, fordern die Umweltverbände vom Land Brandenburg die unverzügliche Einstellung der Planungen zu der rechtswidrigen Umgehungsstraße und die Aufstellung eines Artenschutzprogramms zur Wiederbesiedlung. Das entspricht den ausgewiesenen Schutzzwecken und damit geltendem Recht. Aktuell wurde unter Leitung des LfU bereits eine Arbeitsgruppe gegründet, um den Schwarzstorch im Spreewald langfristig wieder heimisch zu machen.

Wunsch an die künftige Bundesregierung
Von einer neuen Bundesregierung wünschen wir Klima- und Umweltschützer uns neben der Einleitung einer klimagerechten Mobilitätswende insgesamt deutlich mehr Nachdruck bei der Bewältigung der Klima- und Umweltkatastrophe, bevor diese unumkehrbare Kipppunkte überschreitet. Nur so besteht die Chance, dass auch noch unsere Kinder und Enkel Bedingungen vorfinden, die ein Leben in einer intakten, artenreichen Natur und damit in Würde ermöglichen. Sorgen wir deshalb alle gemeinsam dafür, dass der Schwarzstorch und alle anderen bedrohten Tier- und Pflanzenarten in ihrer Urheimat Spreewald erhalten bleiben und sich auch nachfolgende Generationen noch an ihnen erfreuen können.

Kontakt
BUND Brandenburg OG Lübben/Spreewald
Vorsitzender Thomas Liebsch
E-Mail: bund.luebben@bund.net
Spendenkonto des BUND Brandenburg e.V.:
DE24 4306 0967 1153 2782 00   Stichwort: „Schwarzstorch“